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Selbstevaluation mit dem Ziel der Qualitätsverbesserung

Edwin Radnitzky

Viele österreichischen Schulen zeichnen sich durch ein hohes Maß an Initiative, Einfallsreichtum und Reflexions- bzw. Veränderungsbereitschaft aus. Viel Zeit und Energie wird verwendet, um über anstehende Neuerungen zu reflektieren, entsprechende Schritte zu planen und umzusetzen. Die Frage, ob die gesetzten Maßnahmen auch tatsächlich zum gewünschten Erfolg führen, bleibt allerdings oft im Hintergrund. Selbstevaluation soll die gesammelten Erfahrungen dokumentieren und somit allen Beteiligten die Gewißheit geben, ob sie die angestrebten Ziele auch erreichen.

Warum Selbstevaluation an Schulen?

Das ausgehende 20. Jahrhundert ist durch einen immer rascher vor sich gehenden gesellschaftlichen, ökonomischen, ökologischen und politischen Wandel geprägt. Dieser Wandel bedeutet auch für die Schule neue Chancen, neue Herausforderungen - und sehr viele neue Probleme.

Das Vertrauen, dass „der Staat“ in der Lage ist, diese Problem zentral zu lösen, ist stark im Sinken begriffen. Einheitliche, flächendeckende Regelungen schaffen oft mehr Probleme als sie bewältigen. Ein Ausweg wird nun darin gesehen, möglichst viele Probleme dort zu lösen, wo sie auftreten. Was eine Schule durch eigene Initiative und Expertise bewältigen kann, soll sie auch in Angriff nehmen können und dürfen. Die schrittweise erweiterte Autonomie von Einzelschulen entspricht genau dem beschriebenen Trend.

Es liegt daher nahe, das Know-how möglichst vieler Beteiligter am Schulstandort noch intensiver zu nutzen als bisher. Funktionierende Teams sind erwiesenermaßen meist viel eher in der Lage, komplexe Aufgabenstellungen zu bewältigen als Einzelpersonen. Derartige Bemühungen laufen derzeit unter dem Begriff „Schulentwicklung“: Ein immer größerer Personenkreis wird sich- in sinnvoll gewählten Zusammensetzungen - koordiniert und systematisch mit den Angelegenheiten der eigenen Schule auseinandersetzen (Zielsetzungen, Methoden von Unterricht und Erziehung, Bewältigung akuter Probleme ...); sichtbarer Ausdruck dieser Bestrebungen ist das Schulprogramm - als Momentaufnahme des Entwicklungsstands einer Schule, als Planungsinstrument und Beurteilungsmaßstab zugleich. ErziehungswissenschaftlerInnen sprechen im Zusammenhang mit derartigen Entwicklungen von der „Einzelschule als Handlungseinheit“ oder auch von der Schule als „lernende Organisation“. So gesehen ist Schulentwicklung ein Schritt in Richtung „Demokratisierung“ und „Partizipation“: Es gilt, aus Betroffenen Beteiligte zu machen.

Qualitätssicherung

Das ist die Gesamtheit aller Maßnahmen, die darauf abzielen, die Qualität eines Produkts oder einer Dienstleistung sich zu stellen und weiter zu entwickeln. Ein wirksames Qualitätssicherungssystem muss den angeführten Entwicklungen Rechnung tragen: Die gesetzlichen Bestimmungen werden zunehmend Rahmencharakter bekommen; die Rolle der Schulaufsicht ist neu zu definieren; vor allem aber auch werden die einzelnen Schulen ein verstärktes Bewusstsein dafür entwickeln müssen, dass sie selbst die Verantwortung für die Qualität ihrer Arbeit zu übernehmen haben. Erster Bezugspunkt der gemeinsamen Untersuchungen wird dabei ein von der Schule selbst erstelltes Schulprogramm sein, das sich ja grundsätzlich im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben bewegen muss: Haben wir unsere Ziele erreicht? Wo wollen wir die nächsten Schritte setzen? Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen wird in Zukunft unerlässlicher Bestandteil professioneller LehrerInnenarbeit sein müssen. Ergebnisse bzw. Schlussfolgerungen daraus sollen auch für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden. Eine sinnvolle Kombination könnte in Form von Metaevaluation , d. h. einer Überprüfung der von der Schule gesetzten Massnahmen zur Qualitätssicherung nach vorab definierten Standards durch die Schulaufsicht, gesichert sein.

Angst und Misstrauen

So schlüssig und gefällig die angeführten Überlegungen auch klingen, so dürfen sie nicht über die Sprengkraft hinwegtäuschen, die sie enthalten. Denn zunächst - und vor allem - hat (Selbst-) Evaluation einmal mit Wertung und infolgedessen mit Emotionen zu tun; Sachebene und persönliche Gefühle sind dabei in der Praxis oft nur schwer zu trennen. Wer also einen derartigen Prozess in die Wege leiten möchte, wird gut beraten sein, zu einem Klima der Offenheit und des Vertrauens unter den Beteiligten beizutragen, denn ohne vertrauensbildende Maßnahmen, ohne grundsätzliches Wohlwollen, ohne Maximum an Ehrlichkeit und Transparenz, ohne gemeinsame Klärungsprozesse ist allenfalls Kontrolle, nicht aber lebendiges Wachstum zu erwarten. Positive Entwicklungen - und eben diese hat (Selbst-) Evaluation letzlich immer zum Ziel - brauchen ein Klima, in dem Fehler (auch) als Lernchance gesehen werden. Es ist eine große Herausforderung, und zunächst wohl auch eine Belastung für die Beteiligten, neben aller Bereicherung. Wenn sich aber erst einmal ein Kultur der Evaluation und Schulentwicklung an einem Standort etabliert hat, sollten viele Abläufe zur -entlastenden - Routine werden.

Artikel erschien im infoletter 1/98